Scheffelhalle Singen
Ein lebendiger Mittelpunkt des kulturellen Austauschs und gesellschaftlichen Zusammenlebens in Singen
Vom „Conzerthaus“ zum Scheffelhaus - eine neue Veranstaltungshalle für die junge Stadt
Am 2. September 1899 verlieh der badische Großherzog Friedrich I. der Gemeinde Singen die Stadtrechte. Dies setzte eine rasante Stadtentwicklung in Gang, von der sich Verwaltung, Stadtgesellschaft und der lokale Handel auch einen touristischen Aufschwung erhofften. 1908 wurde auf der Schanz eine Festspielhalle erbaut, die jedoch bereits 1918 wegen Baufälligkeit wieder abgerissen werden musste - und Singen stand plötzlich ohne großes Veranstaltungshaus da. Die großen Besucherzahlen, die man in Folge der Anbindung an das überregionale Eisenbahnnetz prognostiziert hatte, waren ausgeblieben. Dennoch benötigten die örtlichen Vereine und Kulturträger einen Veranstaltungsort für ihre Konzerte, Versammlungen und Theateraufführungen. Im Mai 1921 ergriff der Männergesangverein 1859 e.V. gemeinsam mit der Singener Ortsgruppe des Deutschen Scheffelbundes daher die Initiative und beantragte über den Vereinsvorstand und Architekten Albert Hug die Errichtung eines „Conzerthauses“ – das „Scheffelhaus“ war geboren. Hug begründete dessen Notwendigkeit in einem Schreiben an den Singener Gemeinderat vom 5. Juni 1921 damit, dass „(…) die Stadt durch die Neugründung von verschiedenen Industriezweigen in Bezug auf Räume zur Abhaltung größerer Veranstaltungen in bekannte Schwierigkeiten gekommen (ist) und es nahe daran (ist), dass mit dem Ansehen Singens das musikalische, gesangliche und Verkehrsleben starke Einbußen erleiden muss“.
Als Standort für das „Conzerthaus“ sah Architekt Albert Hug die untere Offwiese neben dem Stadtgarten zwischen Gottmadinger Straße (heute: Schaffhauser Straße) und Schmiedstraße vor. Den Bauplatz sollte die Stadtgemeinde Singen in Erbpacht zur Verfügung stellen. Die geschätzten Baukosten für das Gebäude mit mehreren Sälen, einem Wirtschaftsteil und einem Museum zum Leben und Werk von Joseph Viktor von Scheffel beliefen sich auf 1,02 Millionen Mark - dieser vergleichsweise geringe Betrag wurde nur durch den in Aussicht gestellten Gewinnverzicht der beteiligten Handwerker, unentgeltliche Arbeiten und Fuhrleistungen sowie Stiftungen ermöglicht.
Im Oktober 1921 forderte der Gemeinderat die Singener Architekten Albert Hug, Albert Hänßler und Karl Albecker zu einem Wettbewerb für den Bau einer Veranstaltungshalle auf. Hug legte bereits am 27. November einen Kostenvoranschlag für ein „Volkshaus“ vor, der mit 2,6 Millionen Mark doppelt so teuer wie ursprünglich berechnet ausfiel. Die Kalkulation des Singener Stadtbauamts belief sich sogar auf rund 3,7 Millionen Mark. Für die Finanzierung plante man die Gründung einer gemischtwirtschaftlichen Gesellschaft, an der sich u.a. die Stadt, die Stadtsparkasse und die ortsansässigen Großbetriebe beteiligen sollten. Die Verantwortlichen rechneten mit jährlich 150 Veranstaltungen á 300 Besuchern, die über ihre Eintrittsgelder in Höhe von 45.000 Mark zur Finanzierung der Baukosten beitragen sollten.
Die fortschreitende Inflation während der Weimarer Republik machte den ehrgeizigen Plänen jedoch einen Strich durch die Rechnung: Die Hyperinflation der Jahre 1922 und 1923 ließ die Baupreise in astronomische Höhen schnellen. In immer kürzeren Abständen mussten neue Inflationsgeldscheine gedruckt werden. Auf einigen Serien des Singener Notgeldes war auch das „Scheffelhaus“ abgebildet, um für das Bauprojekt zu werben - vergeblich.
Auch das Bezirksbauamt Konstanz legte dem Projekt immer wieder Steine in den Weg. So wies es beispielsweise in einem Schreiben vom 7. November 1923 darauf hin, dass „(…) jeder Verschwendung von Baustoffen und jeglicher überflüssiger Prunk in Zeiten, in der für Familien die notwendigsten Wohnräume nicht beschafft werden können, unbedingt vermieden werden muss (…)“.
Das 10. Hegau-Sängerbundfest 1925 - Geburtsstunde der Scheffelhalle
Bauakte Scheffelhalle, Plan 1925
1924 kam dann erneut Bewegung in die Bauplanungen: Auf der badischen Hegau-Sängertagung in Stetten a.k.M. wurde der Männergesangverein 1859 e.V. als ausrichtender Verein für das 10. Hegau-Sängerbundfest im Jahr 1925 bestimmt. Damit wurde auch die Frage nach einem geeigneten Veranstaltungsort wieder akut. Während sich die örtlichen Gesangsvereine „Konkordia" und „Liederkranz" für ein kostengünstiges Festzelt aussprachen, wies der Männergesangverein auf die Notwendigkeit eines soliden Bauwerks auch hinsichtlich künftiger Veranstaltungen hin. Architekt Hug überarbeitete seine Pläne für das „Scheffelhaus“ und reduzierte das Gesamtgebäude auf einen provisorischen Kuppel- und Bühnenbau ohne Vorbau. Dadurch konnten auch die geschätzten Baukosten auf rund 80.000 Mark reduziert werden.
Endlich erteilte am 7. März 1925 das Ministerium des Inneren die Zustimmung für das geplante Bauwerk - allerdings mit der Einschränkung, dass die Bauform der geplanten Halle in ästhetischer Beziehung zum Hohentwiel stehen müsse und den Blick auf den Singener Hausberg nicht verstellen dürfe. Unverzüglich wurde mit den Bauarbeiten begonnen, so dass Hug bereits Anfang April die Absteckung des Bauplatzes und erste Baufortschritte vermelden konnte. Am 10. April feierte man bereits das Richtfest im Gasthaus „Deutscher Hof".
Nach nur drei Monaten Bauzeit war die Scheffelhalle rechtzeitig zu Pfingsten 1925 als schlichter Fachwerkbau in Zollinger-Bauweise mit einer Theaterbühne, aber ohne Heizungs- und Toilettenanlage fertig gestellt. Auch das Dach war lediglich mit Dachpappe gegen Witterungseinflüsse geschützt. Der Neubau bot anlässlich des Sängerfestes 57 Vereinen mit 2.550 Sängern ausreichend Platz. In der vollbesetzten Halle führte der Männergesangverein, der gleichzeitig sein 65. Stiftungsfest feierte, erstmalig das Tongemälde „Der Bodensee" von Professor Ludwig Baumann auf. Über Pfingsten hielten sich vom 31. Mai bis zum 1. Juni 30.000 Gäste in der Stadt auf, durch deren festlich geschmückte Straßen sich ein langer Umzug bewegte. Dieser war Joseph Viktor von Scheffel gewidmet und zeigte Szenen aus seinem Roman „Ekkehard“.
Vom Provisorium zu „Singens guter Stube“
Am 11. Juli 1925 verkündete die Oberbadische Arbeiterzeitung, dass „(…) die an Pfingsten mit großem Tamtam eingeweihte Scheffelhalle an finanziellen Schwierigkeiten zu leiden (scheint), ja, wenn nicht alles trügt, kommt dieselbe unter den Hammer (…)“. Um dieses Schicksal abzuwehren, beschloss der Männergesangverein auf einer außerordentlichen Generalversammlung am 13. August 1925, Anteilsscheine für eine Scheffelbaugesellschaft herauszugeben. Die Gesellschaft sollte den Erhalt und weiteren Ausbau finanzieren – und tatsächlich kauften binnen weniger Wochen Singener Unternehmer sowie finanzkräftige Bürger Scheine im Wert von 35.000 Mark, für die besonders Kassier Peter Oexle geworben hatte. Damit schuf der Verein die finanziellen Voraussetzungen für die Gründung der Baugesellschaft und einen entsprechenden Vertragsabschluss mit der Stadt.
Am 13. Oktober 1925 einigte man sich: Unter dem Namen „Scheffelbau-Gesellschaft Singen-Hohentwiel" etablierte sich die Trägergesellschaft zum Ausbau, Betrieb und zur Förderung der Scheffelhalle. Bei der Gründungsversammlung am vorhergehenden Abend in der Aula der Ekkehard-Schule hatten bereits 42 Anteilseigner mit großer Mehrheit Albert Hug zum zweiten Geschäftsführer der Scheffelbaugesellschaft gewählt.
In der ersten Sitzung des Aufsichtsrates am 2. November 1925 wurde eine feste Bedachung für die provisorische Halle beschlossen, um einen weiteren Verfall zu verhindern. Die Scheffelhalle blieb weiterhin auf Grund der fehlenden Heizungsanlage in den Wintermonaten unbenutzbar, so dass die errechneten Einnahmen in Form von Eintrittsgeldern nicht in vollem Umfang erzielt werden konnten. Der für den weiteren Betrieb notwendige Ausbau erfolgte erst 1928 - und er veränderte das Provisorium zwar von innen, nicht aber äußerlich. So wurden im Mittelschiff Parkettfußboden und in den Seitenschiffen Riemenboden gelegt. Der Vorraum erhielt einen Terrazzo-Fußboden und endlich wurde eine Heizungsanlage in dem unter der Bühne liegenden Raum installiert.
Opernbühne, Sportarena, Kundgebungsort - Nutzung im Dritten Reich
Die provisorische Bauweise tat der Attraktivität der Scheffelhalle keinen Abbruch, sie wurde von den örtlichen Vereinen rege genutzt: Der Instrumentalverein Singen-Hohentwiel, die Konkordia und der Männergesangverein organisierten in den folgenden Jahren zahlreiche Opernveranstaltungen, die von bekannten Operntheatern ausgeführt wurden. Den Anfang machten 1931 Aufführungen des „Rigoletto" und 1932 des „Don Juan", in den folgenden Jahren kamen „Der Waffenschmied", „Zar und Zimmermann" und andere Opern auf die Scheffelbühne. 1939 fand in der Scheffelhalle der erste Zunftball der Poppele-Zunft Singen 1860 e.V. statt.
Die Scheffelhalle eignete sich aber nicht nur als Konzert- und Opernhaus, sie wurde auch für den Schul- und Vereinssport genutzt. Hier trainierten der Rad- und Kraftsportverein sowie vor allem der Box-Club, welcher in den folgenden Jahrzehnten zahlreiche Wettbewerbe durchführte.
Auch nationalsozialistische Kundgebungen fanden ihren Weg in die Scheffelhalle: So trat hier beispielsweise am 15. Juni 1932 der spätere NS-Reichsstatthalter und Gauleiter des Landes Baden Robert Wagner während einer Wahlkampfkundgebung auf. 1938 beherbergte die Scheffelhalle die Ausstellung „5 Jahre NS-Schaffen in Singen".
Am 22. Oktober 1940 wurden zahlreiche Juden aus Singen und dem Hegau in das Internierungslager Gurs deportiert und deren beweglicher Besitz hinter der Halle versteigert - ein dunkles Kapitel der Scheffelhallengeschichte.
Das „Lieblingskind“ der Singener Vereine
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges richtete das französische Requisitionsamt in der Scheffelhalle eine Annahmestelle für Alltagsgegenstände wie Fotoapparate und Radioempfänger ein, die im Zuge der Wiedergutmachungsleistungen von der Singener Bevölkerung dort abgegeben werden mussten. Die Sportvereine nahmen dann ab 1947 die Scheffelhalle wieder für die Singener in Betrieb, unter anderem trainierten hier die verschiedenen Abteilungen der Sportgemeinde „Eintracht" Singen. Auch der „Kulturbund Singen“ entdeckte die Halle für sich und veranstaltete zu Pfingsten 1947 ein Akkordeon-Konzert.
Zum 50-jährigen Stadterhebungsjubiläum fand im August und September 1949 die „Singener Woche“ statt, zu der in der Scheffelhalle eine vielbeachtete Leistungsschau gezeigt wurde.
Von besonderer Bedeutung für die Singener Fasnet ist die Geburtsstunde der „Poppele-Spiele“ (heute: Narrenspiegel) in der Scheffelhalle am 9. Februar 1957. Initiiert von Walter Fröhlich, etablierte sich das vierstündige, gesellschaftliche Ereignis unter dem Motto „it z’lützel und it z’viel“ schnell im jährlichen Veranstaltungskalender und fand bis 2007 in der Scheffelhalle statt. Auch die in Singen lebenden ausländischen Bevölkerungsgruppen nutzten die Möglichkeiten der Halle immer wieder für sich: Der „Verein für Kultur und Freizeit ausgewanderter Italiener" (ACREI) veranstaltete beispielsweise über Jahrzehnte hier sein traditionelles Weihnachts- und Neujahrsfest mir rund 1.000 Besuchen. Im April 2004 feierten 180 Kinder und ihre Familien den „Türkischen Nationalfeiertag der Jugend" in der Scheffelhalle, der vom türkischen Elternbeirat Singen organisiert wurde. Und im September desselben Jahres fand in und um die Scheffelhalle ein großes „Kulturfest der Jenischen“ als das erste seiner Art in Süddeutschland statt.
Rock, Pop und große Politik – die Scheffelhalle als „große Bühne“
Nicht nur die Singener Vereine entdeckten die Scheffelhalle für sich, auch Konzertveranstalter sahen in dem ungewöhnlichen Bau mit seinem Charme enormes Potential: Im September 1977 trat die berühmte Hard Rock Band AC/DC aus Großbritannien im Rahmen ihrer Tournee über Stuttgart und Zürich in der Scheffelhalle auf. Auch international bekannte Bands wie Golden Earing und Uriah Heep kamen nach Singen - und in ganz Südbaden galt die Scheffelhalle schnell als der „Top Spot“.
Selbst die große Politik machte hier Station: Bundeswirtschaftsminister und Vizekanzler Ludwig Erhard trat anlässlich der Bundestagswahlen im August 1961 in der Scheffelhalle auf. Bei einer CDU-Kundgebung im April 1968, auf der Bundesfinanzminister Franz-Josef Strauß sprach, kam es sogar in Folge provokanter Fragen des Schülers Michael Osann zu Tumulten - er wurde von Bundestagspräsident Philipp Jenninger schließlich gewaltsam vom Mikrofon gezerrt. Und auch Bundeskanzler Helmut Kohl hielt im März 1988 im Rahmen des Landtags-Wahlkampfes vor 1.800 Besuchern in der Scheffelhalle eine Wahlkampfrede.
17. November 2020 – Das Ende der „alten“ Scheffelhalle
In der Nacht vom 16. auf den 17. November 2020 löste um 0:58 Uhr die installierte automatische Brandmeldeanlage der Scheffelhalle Alarm aus. Kurze Zeit später wurde für die Freiwillige Feuerwehr Singen Vollalarm ausgelöst, außerdem rückten die zwei Abteilungen Friedingen und Beuren an der Aach sowie eine weitere Drehleiter der Freiwilligen Feuerwehr Rielasingen-Worblingen an. Innerhalb kürzester Zeit breitete sich das Feuer auf den gesamten Holzdachstuhl aus. Im Verlauf des Einsatzes stürzten das Dach sowie die Giebel auf der Nord- und Südseite ein. Trotz des schnellen Eingreifens der 50 Feuerwehrkräfte konnte die Zerstörung der Scheffelhalle nicht mehr abgewendet werden. Noch in der Nacht nahm die Ermittlungsgruppe „Insel“ ihre Arbeit zur Untersuchung der Brandursache auf. Ein ehemaliger Angehöriger der freiwilligen Feuerwehr gestand schließlich im November 2021, einen Altpapiercontainer neben der Halle angezündet zu haben.
Viele hundert Menschen brachten bereits am 17. November ihre Trauer an der umzäunten Brandruine zum Ausdruck, indem sie Kerzen aufstellten oder Narrenhäs und Fasnachtsbändel am Zaun befestigten. Der Förderverein „Freunde der Scheffelhalle“ startete einen Tag später eine Online-Petition für den Wiederaufbau, an der sich am ersten Tag bereits 1.500 Menschen beteiligten – ein starkes Zeichen für die „Liebe“ der Singener zu „ihrer“ Scheffelhalle. Am 14. Dezember fasste der Gemeinderat einstimmig den Grundsatzbeschluss zum Wiederaufbau der Scheffelhalle mit der Vorgabe, dass sich der Neubau an den historischen Plänen als stützenfreier Holzbau orientieren sollte.
Scheffelhalle 2.0
Am 27. September 2024 war es dann endlich soweit: Das Richtfest der neuen Scheffelhalle im Rohbau konnte im Beisein von unter anderem Oberbürgermeister Bernd Häusler sowie den Architekten Alexander Kionka und Ben Nägele gefeiert werden.
Am 19. September 2025, 100 Jahre nach dem Bau der „alten“ Scheffelhalle, können die Singener ihre „neue“ Scheffelhalle bei einem Festakt endlich wieder mit Leben füllen!
Die neue Scheffelhalle besticht durch ihre stützenfreie Holzkonstruktion. Sie bietet Raum für bis zu 1.300 stehende Gäste sowie 822 Sitzplätze. Zusätzlich sorgt die Galerie für weiteren Platz.
Die filigran wirkende, stützenfreie Holzkonstruktion aus Baubuche verleiht der Halle ein elegantes Erscheinungsbild. In Kombination mit der vorgelagerten Loggia wird die neue Scheffelhalle zu einem außergewöhnlichen Bauwerk.